Wasserwandel: Ruhr gestalten!

Wasserinsekten und was sie uns über den Fluss sagen

Foto: Bernd Thaller. CC BY-NC 2.0

Nimmt man einen Stein aus der Ruhr und dreht ihn um, kann man zuweilen auf jede Menge Leben stoßen. Asseln, Würmer, Schnecken – sie alle tummeln sich auf dem Grund des Flusses. Auch Libellen findet man jede Menge hier unten, im Larvenstadium. Die vielen Insekten und anderen Kleinorganismen geben Aufschluss über den Zustand des Gewässers.

Zu den Libellen an der Ruhr gehört die dunkelblaue Gebänderte Prachtlibelle, deren Entwicklung zwei ganze Jahre als Larve auf der Sohle des Flusses verläuft, bevor das Insekt schließlich am Ufersaum die Flügel in Bewegung setzt. Neben Libellen, die im Ruhrtal zwei Dutzend Arten zählen, verbringen auch viele andere Fluginsekten ihr Larvenstadium auf dem Grund des Fließgewässers. Manche werden später nur für kurze Zeit als ausgewachsene Insekten am Ufer leben. Die Eintagsfliege ist dafür ein bekanntes Beispiel. Ihre Larven bevölkern die Ruhr ebenso wie die Larven der Köcher- und der Steinfliegen oder die verschiedener Mücken. Daneben leben Flohkrebse und Wasserasseln im Fluss, Schlammröhrenwürmer und Langfühlerige Schnauzenschnecken. Auch noch kleinere Organismen finden sich dort, oft nur aus einer oder wenigen Zellen bestehend wie die Wimpertierchen. Was die vielen kleinen und kleinsten Wasserbewohner, die auf der Flussohle leben, gemeinsam haben: Sie sagen etwas über die Gewässerqualität des Flusses aus. Da ihr Leben an bestimmte Umweltbedingungen geknüpft ist, kann man vom Vorkommen der Lebewesen an einem Flussabschnitt auf die Gewässerqualität dort schließen. Sie sind also Anzeichen für eine bestimmte Güteklasse des Flusswassers und heißen deshalb auch Indikatoren.

Um diese Güteklasse zu bestimmen, ermittelt man Vorkommen und Häufigkeit der einzelnen Arten und berechnet mithilfe dessen einen sogenannten Saprobienindex des Gewässers. Die Einzeltiere einer Art unter einem Stein aus dem Fluss zu zählen, kann dabei Teil der Untersuchung sein. Zu den aussagekräftigsten Indikatorten für die Gewässergüte gehören allerdings einige Bakterien und einzellige Tiere, die selbst für Spezialisten nicht immer leicht zu bestimmen sind. Die Methode der Saprobie zur Beurteilung der Gewässergüte ist aber gut erforscht und seit langem erprobt. An der Ruhr helfen solche Untersuchungen an diversen Probestellen daher seit Jahrzehnten dabei, die biologische Güte des Gewässers zu bewerten. So herrscht in einem Flussabschnitt, der als unbelastet bis sehr gering belastet gilt (beziehungsweise die Gewässergüteklasse I besitzt), nur ein geringer Bakteriengehalt und er ist überhaupt nur mäßig dicht besiedelt. Vorwiegend findet man dort Algen, Mose, Strudelwürme und Insektenlarven. Die Quellgebiete und klaren Oberläufe der nordrhein-westfälischen Flüsse fallen in diese sauerstoffreiche Güteklasse. Teile der unteren Ruhr dagegen weisen eine hohe Artenvielfalt an Schnecken, Kleinkrebsen und Larven auf – hier herrscht Gewässergüteklasse II vor, ein mäßig belastetes Fließgewässer.

Neben ihrem Nutzen für die Wissenschaft, spielen die Insekten und Kleinstlebewesen auch für den Nährstoffhaushalt der Flüsse eine Rolle. Bakterien etwa zersetzen Pflanzen- und Tierreste im Wasser – sie kommen im Faulsschlamm des Flusses vor. Ist der Fluss in einem guten ökologischen Zustand und ausreichend mit Sauerstoff versorgt, reinigt er sich von den Abfällen solcher Abbauprozesse selbst. Bei übermäßiger Verschmutzing eines Fließgewässers (Güteklasse IV) nehmen die Fäulnisprozesse jedoch überhand und lassen Geruch entstehen. Die Sauerstoffkonzentration im Wasser ist dann sehr niedrig und Fische können hier nicht mehr leben.

Anders ist dies zum Glück in der Ruhr. Für die dort zahlreich vorkommenden Fische spielen die Insekten als Nahrung eine Rolle, ebenso für diverse Vögel. Mauersegler beispielsweise finden im Sommer in den Mückenschwärmen über dem Fluss Nahrung. Im Winter tauchen Enten nach den Schnecken im Kies auf der Sohle des Flusses. Aus der Nahrungskette des Gewässers sind die Insekten und Kleinstlebewesen also nicht wegzudenken.

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