Wasserwandel: Ruhr gestalten!

Orte am Baldeneysee – Die Schleuse Neukirchen

Foto: Pascal Bovée

Mitten auf dem Grün glänzt ein gelber Fußball wie zum Anstoß bereitgelegt. Allerdings ist der grüne Untergrund kein Sportplatz, sondern ein altes, heute ungenutztes Schleusenbecken, gefärbt von Wasserpflanzen. Der Ball ist hineingefallen und treibt nun auf der Oberfläche. Im Nordosten der Ruhrinsel Brehm, ein kleines Stück unterhalb des Baldeneysees, liegt dieser Ort, der von der Geschichte des Ruhrgebiets erzählt, von Flussschiffahrt und Industrie.

Die Schiffschleuse Neukirchen, die sich hier befindet ist heute ein Denkmal. Sie hatte einmal den Zweck, ruhrabwärts einen Kohlentransport von den flußnahen Zechen zu ermöglichen, ohne das dabei die Fracht umgeladen werden musste. Der Weg durch das Schleusenbecken führte die Ruhrschiffer vorbei an der Schlagd, einer quer in der Ruhr liegenden Felskante. Hier drehten sich damals Kornmühlen und nutzten die Wasserkraft des Flusses. Die Weiße Mühle neben dem Schleusenbecken erinnert noch heute daran. Es ist ein restauriertes, helles Backsteingebäude mit rotem Ziegeldach, einem mit Zinnen bekränzten Turm zur Ruhr hin und in Metallstreben eingefassten Rundbogenfenstern. Ein Gebäude aus einer Zeit, als man Wert auf Details legte. In der oberen Etage sind die Fenster rund wie Bullaugen und die Dachkante ist verziert mit kleinen Säulen.

Noch heute wird unweit der alten Mühlen die Wasserkraft genutzt: Am Ende des Baldeneysees treibt das herabfallende Wasser Turbinen an, mit deren Hilfe elektrischer Strom erzeugt wird. Hier vor der Schleuse Neukirchen merkt man davon jedoch nicht viel. Mit den Bäumen und Bänken auf dem Platz vor dem Gebäude, mit dem schmalen, gepflasterten Pfad am Wasser und dem Blick die gegenüberliegende Gasse hinauf zum Werdener Kirchturm ist es ein idyllischer Ort. Eine Gruppe Radfahrer hält vor der Weißen Mühle an – hier entlang verläuft der Ruhrtalradweg – und betrachtet das gusseiserne Schild, das ins Schleusenbecken eingelassen ist. Es verweist auf den preußischen König. Im späten 18. Jahrhundert wurde die Schleuse auf sein persönliches Geheiß angelegt – gemeinsam mit 15 weiteren Schleusen, die die untere Ruhr schiffbar machen sollten, von der damaligen Grafschaft Mark bis zum Rhein. Es war der Startschuss für die Ruhraaken, die den immer umfangreicher werdenden Kohletransport über den Fluss übernahmen, bis sie im Verlauf des 19. Jahrhunderts schließlich von der Eisenbahn abgelöst wurden. Im Winter fanden die Schiffe hier an der Schleuse außerdem einen sicheren Hafen.

Heute überwintern herrscht an dem Bauwerk an dieser Stelle der Ruhr weniger Betriebsamkeit. Der alte Schleusenkanal, Heyerstrang genannt, wurde zum stillen Gewässer ohne direkte Verbindung zur Ruhr. Und der Pfad am Ufer wird nicht zum Ziehen – oder Treideln – von Schiffen genutzt, sondern zum Spazieren auf dem Weg zum Baldeneysee. Die Erholungsuchenden, Hundebesitzer und Radfahrer passieren das ehemalige Schleusenwärterhaus mit seinen zwei Geschossen und dem überstehenden, runden Flachdach, das dem Wärter bei der Aussicht auf den Fluss Schatten spendete. Heute ist es von Kletterpflanzen bewachsen und mit Blumenkästen geschmückt.

Im Jahr 1933 mit dem Aufstauen des Baldeneysees, angelegt zur Verbesserung der Wasserqualität und heute Ziel der Erholungsuchenden, wurde zugleich die scharfe Kante in der Ruhr entfernt, die an der Schleuse Neukirchen im Wasser lag. Eine neue Schleuse ersetzte die alte und die Schifffahrt folgte fortan dem normalen Flusslauf. Die ursprünglichen Aufgaben der Neukircher Schleuse hat die neue Schleuse Baldeney allerdings nicht übernommen. Hier werden nicht mehr Kohle- , sondern inzwischen Ausflugsschiffe auf das Niveau der Ruhr herabgelassen oder von dort aus auf Seeniveau angehoben.

Das kalkweiße Mühlengebäude an der Brücke über die alte preußische Schleuse ist heute ein Ort der Kultur geworden. Während Laub von den Bäumen fällt und sich Kirchengeläut aus Werden in das Wasserplätschern mischt, hört man von drinnen Klaviermusik. Die Studenten der Folkwang-Universität der Künste widmen sich hier dem Musical.