Monthly Archives: Juli 2015

Mit dem Paddel auf der Ruhr – worauf muss ich achten?

Foto: Pascal Bovée

Besonders nah kommt man der Natur der Ruhr, wenn man selbst auf dem Wasser unterwegs ist. Touren mit dem Kajak oder Kanu, die dem Flussverlauf folgen, sind deshalb beliebt. Die unmittelbare Nähe zu Tieren und Pflanzen, die hier beheimatet sind, ist beeindruckend, erfordert allerdings auch Umsicht. Auch die eigene Sicherheit gilt es natürlich auf dem Wasser immer im Auge zu behalten. Worauf sollte man beim Paddeln achten?

Fließgewässer sind sensible Lebensräume und in einem Ballungsraum wie dem Ruhrgebiet steht die Natur immer unter einem gewissen zivilisatorischen Druck. Unmittelbar an der Ruhr befinden sich deshalb eine Reihe von Naturschutzgebieten. Wer selbständig mit dem Boot hindurchpaddelt, sollte das nicht achtlos tun. Richtig nicht nur im Sinne des Naturschutzes, sondern auch der eigenen Sicherheit verhält man sich, wenn man in Kanu oder Kajak die sogenannten Goldenen Regeln für Wassersportler befolgt. Der Sicherheit dient es insbesondere, die Ruhr nicht bei Hochwasser zu befahren, sich schwierige Stellen wie Stromschnellen oder Wehre immer zuerst von Land aus anzuschauen sowie sich vor Beginn der Tour beim Bootsverleiher über die speziellen Gegebenheiten vor Ort zu informieren. Zusätzlich kann man hierbei auch Wasserwanderkarten zurate ziehen. Nicht nur Hindernisse wie Wehre sind in einer guten Karte verzeichnet, sondern auch die Naturschutzgebiete mit ihren gesperrten Altwassern und speziellen Befahrungsregeln.

Wichtig ist, zum Einsetzen und Anlanden des Bootes nur die vorgesehenen Stellen wie Stege zu benutzen. Der Schutz des Ökosystems Fluss und seiner Bewohner, zu denen bedrohte Tier- und Pflanzenarten gehören, ist aber auch auf dem Wasser selbst zu beachten. Dazu gehört, Schilfzonen, Schwimmpflanzen und dicht bewachsene Uferabschnitte zu meiden. Hier befinden sich die Brut- und Aufzuchtgebiete vieler Tiere, auf die man am besten Rücksicht nimmt, indem man sie nur aus einiger Entfernung beobachtet oder fotografiert. Im Kies des Flachwassers laichen Fische, deren Nachwuchs man mit einer Grundberührung Schaden zufügen kann. Die Steilufer dagegen werden von Höhlenbrütern wie Uferschwalbe und Eisvogel bewohnt, so dass es auch hier Distanz zu halten gilt. Insbesondere auf den Stauseen der Ruhr gibt es zudem Vogelschutzflächen und Ansammlungen rastender Schwimmvögel, die man ebenfalls möglichst weiträumig umfahren sollte. Von selbst einleuchtend dürfte die Regel sein, keine Abfälle im Fluss oder an seinem Ufer zu hinterlassen.

Vor allem an sonnigen Wochenenden, wenn auf der Ruhr viele Menschen unterwegs sind, kann sich Fehlverhalten multiplizieren und die am oder im Fluss lebenden Tiere und Pflanzen gefährden. Wenn Paddler – wie auch Segler und Schiffsreisende – allerdings Rücksicht nehmen, bietet der Fluss allen, die ihn befahren, eine eindrucksvolle Natur.

Weitere nützliche Infos zu Paddelrevieren, Kanuverleihern und geführten Bootstouren an der Ruhr gibt die Broschüre Wasserwandern in der Metropole Ruhr. Auch die Goldenen Regeln für Wassersportler sind dort aufgelistet.

Orte am Baldeneysee – die Zeche Carl Funke

Foto: Pascal Bovée

Wind zieht durch die Streben des ehemaligen Förderturms. Wie auf dem alten Foto aus dem Bergbaumuseum kreuzen auch heute die Segelboote vor dem Metallgerüst. Der hellgrün lackierte Turm fällt inmitten des satteren Grüns der Bäume und Sträucher rundherum nicht sofort ins Auge. Besser sieht man ihn eigentlich aus größerer Entfernung oder vom See aus. Das Gelände der ehemaligen Zeche Carl Funke wurde von der Stadt renaturiert und so wächst Gras über die industrielle Vergangenheit. Heute ist hier Freizeitterrain.

Das nutzen zwei Teenager, die auf der Rampe im kleinen Skatepark zwischen Turm und See sitzen und sich laut lachend unterhalten. Als einige Jungs auf BMX-Rädern dazukommen, verlieren sie die Lust auf ihr Gespräch und nutzen lieber die Hindernisse des Parcours. Auch auf dem angrenzenden Parkplatz schnallen sich zwei ältere Inlineskater die Rollen unter. Sie haben ihr Auto im Schatten eines alten Wohnmobils geparkt, das auf den See hinausblickt. Seit der Sturm im vergangenen Jahr einen meterdicken Baum am Ufer umgeworfen hat, ist die Aussicht auf das Wasser frei.

Auf dem großen runden Baumstumpf sitzt es sich bequem. Wie hätte man vor 50 Jahren an dieser Stelle gesessen? Lauter wäre es gewesen, geschäftiger und auch nicht ganz so grün. Schon damals war der Baldeneysee zwar ein beliebtes Naherholungsziel. Aber sein Bild, allemal sein Nordufer war noch bestimmt vom Tagebau. Über eine enorme Fläche erstreckte sich hier die Zeche Carl Funke, von der heute nur noch der Förderturm mit seinem Strebengerüst von 1926 geblieben ist. Zu dieser Zeit gab es in Essen noch mehr als ein Dutzend Türme seiner Bauart. Auf alten Fotos sieht man an dieser Stelle noch ein zweites Stahlgerüst und, viel höher noch über den See ragend, mehrere Schornsteine. Bevor 1933 der See aufgestaut wurde, war die Zeche zudem unterirdisch mit dem gegenüberliegenden Ruhrufer verbunden. Dort lag mit Pörtingsiepen eine zweite große Zeche, von der man heute ebenfalls nur noch ein metallisches Relikt sehen kann: ihr Förderrad. Wer hier am Ufer gesessen hätte, hätte in der Vergangenheit also in beiden Richtungen, beim Blick zurück wie über den See, auf Bergbauanlagen geschaut. Statt Inlineskates und Fahrrädern hätte er das Förderband fahren, Lkw hupen und Züge mit Kohle vorbeirollen gehört.

Aus dem Wohnmobil auf dem kleinen Parkplatz am Ufer kommt ein Mann mit Schirmmütze und stellt Campingstühle auf. Dazu einen Klapptisch. Mit seiner Frau und einem befreundeten Paar wird er hier in Kürze Wein trinken und Karten spielen. Ganz ähnlich machen es andere Essener im ehemaligen Pförtnerhaus ein Stück weiter westlich, das nun einen Sportlertreff mit Café beherbergt. Es erfüllt dabei noch immer ein wenig seine alte Funktion: Zutritt erhalten Angehörige eines ortsansässigen Energiekonzerns. Doch noch ein paar weitere Spuren der industriellen Vergangenheit kann man hier am Nordufer des Baldeneysees finden, zumindest wenn man weiß, wo früher die Zechenarbeiter gewohnt haben. Im „Heimatstil“ sind ihre ehemaligen Häuser mit Fachwerkelementen errichtet worden. Viele der Arbeiter waren aus ländlichen Gegenden zugewandert und sollten so ein wenig Zuhausegefühl vermittelt bekommen. Noch heute wohnen manche ihrer Nachfahren hier.

1973 stellt der Funke-Förderturm seinen Betrieb ein. Die Zeche prägt aber danach noch mehr als ein Jahrzehnt lang das Bild des Sees, bis sie 1986 abgerissen wird. Ende der 80er Jahre erobern dann Kleingärtner das ehemalige Bergbaugelände. Im Wendejahr wird der Förderturm, der sich heute so selbstverständlich in die Landschaft einzufügen scheint, schließlich zum Industriedenkmal. Und nochmal einige Jahrzehnte später, 2012, bekommt er seine heutige Gestalt. Nachdem ihn ein Industriekletterer erworben und sich zu seiner Instandhaltung verpflichtet hat, bekommt er eine kleine Aussichtsplattform. Von hier sieht man, wie der Wind die Segel der Boote auf dem Baldeneysee füllt. Er zieht durch die Metallstreben und erzählt von müden Arbeitern mit schwarzen Gesichtern, die hier an der Ruhr einmal genauso zum Alltag gehörten wie die Freizeitkapitäne.

Wie die Ruhr schwitzt und fröstelt – die Wassertemperatur und das Leben im Fluss

Foto: Shirley de Jong. Fotolizenz CC BY-NC 2.0

Am Oberlauf des Flusses, dort wo die Ruhr eigentlich noch ein Bach ist, lebt die Bachforelle. Sie liebt das kühle Wasser unweit der Quelle. Das ganze Jahr über haben Quellen von Fließgewässern nahezu dieselbe Temperatur. Das liegt am Grundwasser, aus dem sie sich speisen und dessen Eigenschaften sie annehmen. So kommt es, dass Quellen nicht gefrieren und (mit Ausnahme einiger Thermal- und Hochgebirgsquellen) für gewöhnlich zwischen sechs und zehn Grad Celsius warm sind. Wenn sich ein Fließgewässer von seiner Quelle entfernt, ändert sich das jedoch. Auf dieser Karte, die die Wassertemperaturen der nordrhein-westfälischen Flüsse an verschiedenen Messstellen in ihrem Verlauf zeigt, ist das abzulesen.

Schon beim Abfluss aus der Quelle strahlen die Temperatur der Luft und auch die des Bodens auf den Bach ab. Später kommen noch viele andere Faktoren hinzu, die Wirkung auf die Temperatur der Fließgewässer zeigen. Zu den wichtigsten gehören Sonneneinstrahlung und Wind (und im Gegenzug Schatten und Windschutz durch Bäume), außerdem Regen und Schnee, Zuflüsse durch andere Gewässer und menschliche Einflüsse wie etwa Einleitungen von Kühlwasser aus Kraftwerken oder das Aufstauen des Gewässers.

Das Beispiel Niederschlag zeigt, wie die Wassertemperatur im Fluss ansteigen oder absinken kann. Im Sommer heizt sich auf Hausdächern und Asphalt das Regenwasser auf trägt so Wärme in die Flüsse, denen es zufließt. Im Winter strömt dagegen Schmelzwasser hinein, das nur knapp über null Grad kalt ist. Auch die Luft wirkt auf das Gewässer. Durch die Strömung des Flusses zirkuliert das Wasser. Es kommt mit der Luft in Kontakt und gleicht sich an deren Temperatur an. Speziell im Sommer bedeutet das: Ein Fließgewässer wird prinzipiell umso wärmer, je weiter es sich von seiner Quelle entfernt. Auch der Treibhauseffekt hat am Erhitzen der Flüsse seinen Anteil. Kommen weitere erwärmende Faktoren hinzu, wie etwa die Einleitung von Kühlwasser aus der Industrie, kann so die Wassertemperatur zur heißen Jahreszeit auf über 30 Grad Celsius ansteigen. Das hat nicht nur Auswirkungen auf die Wassermenge, die der Fluss führt, sondern auch auf die im Fluss lebenden Tiere und Pflanzen.

Allgemein bestimmt die Wassertemperatur mit, welche Lebewesen ein Gewässer besiedeln. Je nach Wärme- oder Kältegrad des Wassers sind dies unterschiedliche Organismen. Die Bachforelle liebt es wie gesagt kühl, andere Tiere können mehr Wärme vertragen. Bedeutend ist hier, dass die Spannweite der Wassertemperatur, die sogenannte Temperaturamplitude, mit anwachsender Entfernung des Fließgewässers von seiner Quelle zunimmt. In der Quellregion und im Bachoberlauf leben daher Tiere, die an einen engen Temperaturbereich angepasst sind, sogenannte stenotherme Tiere. Dafür sorgt die im Verlauf des Jahres nur um etwa ein Grad Celsius schwankende Temperatur der Quelle. Im Unterlauf des Baches oder im Fluss, das heißt in größerer Entfernung von der Quelle, leben eurytherme Tiere: Tiere, die Temperaturunterschiede besser aushalten können. Nicht nur die Tiere, auch die Pflanzen und nicht zuletzt die Mikroorganismen stehen unter dem Einfluss der Wassertemperatur. Viren etwa lieben Kälte und sind daher im Sommer in der Ruhr seltener als im Winter, wie Dr. Jurzik von der Ruhr-Universität Bochum im Interview erläutert.

Anders sieht es wiederum bei uns Menschen aus. Hier steigt die Lust in den Fluss zu gehen im Sommer merklich an. Auch dort, wo das bisher nicht erlaubt ist: Häufig aufgrund nicht ausreichender Wasserqualität bestehen an deutschen Flüssen Badeverbote. Eine offizielle und erlaubte Alternative kann man sich auf dieser Badegewässerkarte suchen. Im Moment steht die Aufhebung eines vollständigen Flussbadeverbotes für die untere Ruhr jedoch zur Debatte, weil das Wasser mancherorts wieder messbar sauberer geworden ist. In Essen hat die Interessengemeinschaft Baden in der Ruhr gegründet. Ob der Fluss in Zukunft ebenfalls auf der Badegewässerkarte des Landes verzeichnet sein wird? Zum Abkühlen bei heißen Sommertemperaturen käme das vielen gelegen.

 

Fotolizenz: CC BY-NC 2.0

Sprung in saubere Flüsse? Der europäische Flussbadetag 2015

Foto: Dave Gingrich. Creative Commons 2.0

In 15 Jahren sollen Europas Flüsse sauber sein. Dieses Ziel hat sich die europäische Staatengemeinschaft gesteckt – im Jahr 2000. Genau jetzt ist der Zeitpunkt, zu dem unsere Flüsse regelmäßig wieder einen „guten chemischen und ökologischen Zustand“ aufweisen sollten – so gut, dass die Wasserqualität es wieder erlauben müsste, hineinzuspringen.

Tatsächlich hat sich die Wasserqualität der Fließgewässer innerhalb der letzten 15 Jahre an vielen Orten verbessert. Die Abwasserreinigung ist erweitert, Flussabschnitte sind renaturiert worden. An der unteren Ruhr zum Beispiel wird es daher mit einer Initiative zum Schwimmen im Fluss inzwischen konkret.

Aber die angestrebte gute Wasserqualität herrscht leider lange noch nicht an allen europäischen Flüssen. Die vor 15 Jahren erlassene europäische Wasserrahmenrichtlinie, die das Umweltziel der sauberen Flüsse vorgegeben hat, versteht unter einem guten chemischen Zustand eines Flusses, dass darin kein Schadstoff in einer höheren Konzentration vorkommt als per Grenzwert festgelegt ist. Ökologisch gut ist der Zustand dem Gesetz zufolge dagegen dann, wenn seine biologischen Eigenschaften nur in geringem Maße von einem natürlichen Gewässer seines Typs abweichen. Dazu gehört beispielsweise, dass Fische innerhalb des Fließgewässersystems wandern können, ohne durch Bauwerke daran gehindert zu werden. Eine Maßgabe, für die viele Fischtreppen gebaut wurden, damit die Tiere Schleusen, Kraftwerke und Wehre umschwimmen können – aber die noch nicht vollendet ist.

Da bereits früh absehbar war, dass das ambitionierte Ziel der sauberen Fließgewässer nur schwer zu erreichen sein würde, rief das European Rivers Network bereits im fünften Geltungsjahr der Richtlinie zu einer ungewöhnlichen Aktion auf: dem Europäischen Flussbadetag oder Big Jump Day. Eine Viertelmillion Menschen nutzten laut Veranstalter im Jahr 2005 diesen Tag, um auf das Thema Sauberkeit der Flüsse aufmerksam zu machen – indem sie europaweit gemeinsam ins Wasser sprangen. Jährlich wiederholte sich das Umweltschutz-Spektakel seitdem. Der große Abschluss steht allerdings noch aus: Er ist für den 12. Juli 2015 geplant. Schließlich ist für dieses Jahr die Erreichung der Umweltziele vorgesehen und die Initiative Big Jump Day beziffert: „Etwa die Hälfte aller Gewässer in der EU wird den guten Zustand nicht erreichen“. Auch wenn man über die genaue Anzahl der Gewässer, die heute als der Richtlinie entsprechend sauber gelten können, streiten kann: Dass an Europas Flussufern noch nicht durchgängig naturnahe Zustände herrschen, ist nicht erst an Badeverboten sichtbar. Für alle, denen saubere Flüsse in Theorie und Gesetzestext nicht ausreichen, eigentlich Grund genug selbst mit anzupacken – und am 12. Juli auch mitzuspringen?

Wer sich beteiligen möchte, kann auf dieser Karte nachschauen, ob es zum europäischen Flussbadetag Aktionen in seiner Nähe gibt. Oder falls es noch keine gibt, die Toolbox für Wasserschützer nutzen und hier noch eine Last-Miunte-Anmeldung für einen eigenen Sprung in den Fluss machen.

Wandern an der Ruhr – Teil II

Foto: Rueterstaude. Wikimedia Commons.

Nachdem wir in der vergangenen Woche das Wandern am Ruhrufer bei Hattingen und Wetter getestet haben, stellen wir nun einige beliebte Wanderziele am Fluss vor. Welche Wanderrouten am Ufer lohnen sich besonders? Und wo bekommt man Insider-Tipps dazu?

Beliebte Wanderstrecken an der Ruhr führen rund um die Stauseen des Flusses, durch das Muttental, das Ardeygebirge sowie zur Burg Blankenstein. Auch die Hohensyburg bei Dortmund, der Mülheimer Wasserbahnhof und die Ruhrmündung in Duisburg sind gern gewählte Ziele. Sie alle im Detail darzustellen, bedarf es eines eigenen Wanderführers. Deshalb bietet dieser Beitrag kein vollständiges Abbild der zahlreichen Routen, sondern eher einen kurzen Überblick über die Vielfalt an möglichen Wanderausflügen, die an den verschiedenen Abschnitten der Ruhr möglich sind. Von Ost nach West folgen wir dabei dem Flussverlauf und greifen insbesondere jene Routen auf, auf denen man ein gehöriges Stück des Weges am Fluss selbst entlang wandert.

Wanderbuchautor Uli Auffermann sieht das Gebiet im südlichen Ruhrgebiet entlang des Flusses als Landschaft, die zum Wandern „besonders attraktiv“ ist. Sein Band „Wandern an Flüssen und Seen. Ruhrgebiet.“ stellt 35 Wanderungen am Wasser vor. Die östlichste bei Fröndenberg ist ungewöhnlich, weil hier nicht wie sonst häufig die Industriekultur im Mittelpunkt steht. Sie führt an zwei Naturschutzgebieten vorbei. Das erste, die Kiebitzwiese, trägt seinen Namen zu Recht. Hier quaken und zwitschern in den Auwiesen der Ruhr und auf den alten Bäumen zahlreiche Vögel, besonders wenn man zur richtigen Jahreszeit kommt. Die ländliche Tour führt danach am mit knapp 245 Metern höchsten Punkt im Kreis Unna vorbei und bietet gleichermaßen Ausblick über das Ruhrtal wie auf die Mendener Berge im Sauerland.

Folgen wir dem Fluss ein Stück weiter nach Westen, treffen wir auf weitere Wanderstrecken. Wir lassen die guten Wandermöglichkeiten in Schwerte, wo ebenfalls noch die Gipfel des Sauerlandes zu sehen sind, allerdings hier aus. Stattdessen widmen wir uns der Hohensyburg, die im Süden Dortmunds auf Felsen über dem Hengsteysee thront. Wer dorthin wandert, kann von den steilen Hängen unterhalb der Burg aus auf das gegenüberliegende Hagen und auf die Mündung der Lenne in die Ruhr blicken. Auf einer Bahnbrücke überqueren hier Fernverkehrszüge das Wasser. Nicht nur die Burg lockt auf dieser Route historisch Interessierte, auch Zeugnisse preußischer Tage gibt es. Man kommt an einem großen Kaiser-Wilhelm-Denkmal vorbei – klassisch fürstlich als bronzenes Reiterstandbild inszeniert, mit Reichskanzler Bismarck zu Seiten des Staatsoberhaupts. Später passiert man eine Freilichtbühne. Der ADAC-Wanderführer empfiehlt die Route als dreistündige Tour rund um den Hengsteysee anzulegen. Im Info-Kästchen „So kommen Sie hin“ ist dort zunächst die Anfahrt mit dem Auto beschrieben, zu den öffentlichen Verkehrsmitteln heißt es schlicht: „Mit dem Zug nach Hagen, mit dem Bus zum Hengsteysee“. Die Buslinie 544 gibt der Autofahrerclub nicht an, dennoch sei das Thema hier einen Hinweis wert: Die vergleichsweise gute Erreichbarkeit mit öffentlichen Verkehrsmitteln ist eine Besonderheit, die die Wanderstrecken an der Ruhr auszeichnet und von manch anderer Region unterscheidet.

Diese Anbindung an den öffentlichen Nahverkehr gibt es auch beim Wandern in Witten. Rolf Sonderkamp empfiehlt dort in seinen „krummen Touren durchs Revier“ eine Muttental-Wanderung. Wer ihr folgt – sie ist etwa elf Kilometer lang – folgt zugleich einem bergbaugeschichtlichen Wanderpfad. Er passiert die Zeche Nachtigall mit ihrem weißen Metalltor, das mit dem Motiv arbeitender Bergleute verziert ist. An weiteren Stolleneingängen vorbei, führt der Weg zur Ruine Hardenstein, durch den Wald und über den Muttenbach. Namen wie „Kohlenstraße“ tragen hier die Wege und entsprechend geht es nach einem langen Stück mit Sicht auf den in die Ruhr mündenden Muttenbach auch an einem „Bethaus der Bergleute“ vorbei. Über Felder gelangt man schließlich zurück an die Ruhr, wo die Wanderung begann.

Die nächsten beliebten Wanderrouten im Flussverlauf, um den Eisenbahnviadukt in Herdecke sowie den Harkortsee in Wetter gelegen, lassen wir hier aus (mehr dazu findet sich im Blogbeitrag von vergangener Woche) und kommen direkt zum von vielen Großstädtern zur Erholung genutzten Kemnader See. In seiner Umgebung gibt es verschiedene Optionen zum Wandern, insbesondere wenn man Burgen mag. So kann man den See auf südlicher Seite entlang spazieren, die Wasserburg Haus Kemnade passieren und dann parallel zur Museumsbahn und dem Naturschutzgebiet wandern, um schließlich vom Wehrturm der Burg Blankenstein, 80 Meter über Seeniveau gelegen, eindrucksvolle Aussichten auf sich wirken zu lassen. Oder man läuft von Haus Herbede mit seinem mittelalterlichem Kreuzgewölbe aus in östlicher Richtung zur Burg Hardenstein, hat dabei das Flussufer in Sicht und kann schließlich mit der Ruhrtalfähre über den Fluss setzen. Die Fähre verkehrt allerdings nur in den warmen Monaten. Der Waldhöhenweg auf der Nordseite des Sees ist ebenfalls reich an Ausblicken, nicht nur auf den Stausee selbst und die gegenüberliegenden Burgen, sondern auch auf das urbane Ruhrgebiet mit den markanten Gebäuden der Ruhr-Universität Bochum, architektonisch angelegt in der Formation einer Flotte.

Reizvolle Wanderrouten bieten sich auch am größten Stausee der Ruhr in Essen, dem Baldeneysee, der nun sogar wieder zum Badegewässer werden soll, wenn es nach der frisch gegründeten Interessengemeinschaft „Baden in der Ruhr“ geht. Hier kann man den Wald und Park der Krupp-Industriellendynastie durchstreifen, die Halbinsel Heisingen umwandern oder von dort die alte Eisenbahnbrücke queren, auf der früher die Kohlen rollten und dann dem Verlauf der historischen Bahnstrecke durchs Hespertal folgen. Auch andere Wanderoptionen am Flussufer bieten sich in Essen. Von der schönen Altstadt in Kettwig lohnt sich beispielsweise eine Wanderung nach Mühlheim zum Wasserbahnhof. Von hier kann man anschließend mit der Weißen Flotte einfach wieder auf dem Fluss zum Startpunkt zurückfahren. Die Wanderung nach Mülheim führt zu Beginn durch eine offene Auenlandschaft, dann unter der gewaltigen Mintarder Brücke her. Wie viele Wanderstrecken am Fluss, verläuft der Weg auf dem altem Treidelpfad. Der Mülheimer Wasserbahnhof liegt schließlich auf einer kleinen Ruhrinsel und besitzt einen Biergarten. Ganz in der Nähe befindet sich außerdem Haus Ruhrnatur, ein Museum der Tier- und Pflanzenwelt des Ruhrtals.

Auch der ADAC-Wanderführer empfiehlt eine Route in Mülheim. Sie verläuft entlang der Ruhrauen und auf dem Ruhrhöhenweg zum Kaiserberg. Wie auf vielen Wanderwegen im Ruhrgebiet geht es dabei zum Teil auch über Asphalt. Wanderer, die dieser Route folgen, bekommen jedoch auch ein Biotop mit verschiedenen Froscharten zu Gesicht, wo sich bis in die siebziger Jahre noch das Gelände der Zeche Alstaden erstreckte. Außerdem gelangt man zum nicht nur architekturgeschichtlich bemerkenswerten Wasserkraftwerk Raffelberg. Wer schließlich zur Mündung der Ruhr nach Duisburg wandern und den Transportschiffen zusehen möchte, die auf diesem Abschnitt des Flusses verkehren, kann dabei gut in Mülheim beginnen, und dem Ufer folgen. An dem Punkt, an dem sich Ruhr und Rhein treffen, erwartet ihn dann die 25 Meter hohe Skulptur Rheinorange.

Als allgemeiner Sicherheitshinweis zum Wandern an der Ruhr lässt sich hier hinzufügen, dass es auch im Sommer recht schnell zu Witterungsumbrüchen kommen kann. Wasserabweisende Kleidung im Rucksack kann also nicht schaden. Sollte starker Regen oder gar Sturm aufkommen, ist natürlich beim Wandern am Wasser besondere Vorsicht geraten und im Zweifelsfall besser die Tour abzubrechen. Heftige Böen, herabfallende Äste, Blitzschläge und über die Ufer tretende Bäche und Flüsse können dann zur Gefahr werden.

Touristische Hinweisschilder sind auf den Wanderstrecken im Ruhrgebiet zahlreich. Die Fernwanderwege werden vom Sauerländer Gebirgsverein gepflegt. Das Andreaskreuz, ein „x“, das wir auf Bäumen, Markierungssteinen und Wegweisern finden, hilft, auf der geplanten Route zu bleiben. Gekennzeichnet mit „xR“ verläuft als lange Fernwanderstrecke der Ruhrhöhenweg von der Quelle bis zur Mündung des Flusses. Eine gute Karte ist natürlich beim Wandern hier wie anderswo dennoch anzuraten. Heute erleichtern daneben aber auch GPS-Systeme die Navigation für Wanderer. Nah am infrastrukturell erschlossenen Ballungsraum sind sie an der grünen Ruhr manchmal ein Stück hilfreicher als auf abgelegenen Waldpfaden anderer Regionen. Nebenbei ermöglichen die GPS-Daten die Verbindung der Navigation mit kleinen Schatzsuchen: Beim Geo-Caching in Flussnähe finden sich hier einige schöne Verstecke.

Das Thema Spurensuche zieht sich ohnehin wie ein roter Faden durch Wanderungen im Ruhrgebiet. Dem Wandel der Landschaft mit ihrem industriellen Erbe, das oftmals von Pflanzen und Tieren zurückerobert wird, kann man dabei förmlich zusehen und dabei zahlreiche ungewöhnliche Entdeckungen machen.

 

Literaturhinweise:

Rolf Sonderkamp: Auf krummen Touren durchs Revier. Der Wanderführer Ruhrgebiet. Klartext Verlag.

Uli Auffermann: Wandern an Flüssen und Seen. Ruhrgebiet. Bruckmann Verlag.

ADAC Wanderführer. Ruhrgebiet. ADAC Verlag.