Monthly Archives: April 2014

Projektpartner ITAS – Leben an der Spree, forschen an der Ruhr

Foto: Rania Ladwig, Sichere Ruhr

Mülheim an der Ruhr, Essen, Bochum, Bonn, Aachen und Berlin – das Projekt Sichere Ruhr beschäftigt Wissenschaftler auch fernab vom Ufer der Ruhr. In Berlin beispielweise beteiligen sich Prof. Dr. Peter Wiedemann und Dr. Franziska Boerner vom Institut für Technikfolgenabschätzung und Systemanalyse (ITAS) am Projekt. Die Berliner Außenstelle des Karlsruher Instituts für Technologie liegt in einem hellen Büro direkt an der Spree – so fällt den Wissenschaftlern der Bezug zum Forschungsthema besonders leicht.

Die Kollegen vom ITAS übernehmen dabei verschiedene Aufgaben für das Projekt Sichere Ruhr. Ihre Hauptaufgabe ist die Durchführung einer deutschlandweiten Bevölkerungsumfrage zur Wahrnehmung von Risiken beim Baden in Flüssen und Risiken zum Trinkwasser. Darüber hinaus untersuchen sie, ob Menschen in natürlichen Gewässern baden gehen und welche Faktoren dabei für sie relevant sind. Indem sie vor allem wichtige Erkenntnisse aus der Psychologie und Wahrnehmungsforschung in die Konzeption der Risikokommunikation und des Handlungsleitfadens miteinbringen, unterstützen sie das gesamte Team. Hinter dem immensen Wissen steht ein sehr kleines aber eingespieltes Team. Der Projektleiter Prof. Dr. Wiedemann und Dr. Franziska Boerner sind so etwas wie eine Zwei-Mann-Risikotaskforce, die auf beträchtliche Erfahrungen im Bereich Risikowahrnehmungs-, und -kommunikationsforschung zurückgreifen können. Außerdem steht das Team mit anderen Projektpartnern in regem Kontakt. Besonders eng arbeiten sie dabei mit dem Team am Institut für Kommunikationswissenschaft der Universität Duisburg-Essen zusammen ­– denn die Arbeiten der beiden Institute stehen in besonderem inhaltlichen Zusammenhang und bauen aufeinander auf.

Fixe Routinen gibt es für Franziska Boerner in ihrem Arbeitsalltag für Sichere Ruhr nicht. Die anstehenden Aufgaben hängen viel mehr vom aktuellen Stand des Projekts ab, dabei gleicht kein Tag dem anderen. Besonders interessant war für die promovierte Psychologin die Phase, in der die repräsentative Bürgerbefragung vorbereitet und durchgeführt wurde. In einem ersten Schritt entwickelte Franziska Boerner den Fragebogen auf Basis bestehender Literatur und ihrer Erfahrungen aus vergangenen Projekten. Im nächsten Schritt wurden Probeinterviews durchgeführt um zu testen, ob die Fragen auch tatsächlich die gewünschte Erkenntnis liefern. Nach der Entwicklung des Fragebogens folgte die Durchführung der Befragung. Hierzu mussten Interviewer geschult und Modalitäten mit dem Befragungsinstitut verhandelt werden. Der letzte und für Franziska Boerner auch spannendste Schritt war schließlich die Auswertung der erhobenen Daten. Mit Hilfe von statistischen Methoden versucht sie dabei Muster im Antwortverhalten zu entdecken oder sie widmet sich aufmerksam den offenen Antworten: „Besonders spannend sind gerade diese freien Antworten wie zum Beispiel die Gründe der Befragten für das Baden in Flüssen.“

Bei der Befragung sind eine Menge spannender Ergebnisse heraus gekommen. So konnten die Kollegen zum Beispiel belegen, dass die allgemeinen Bemühungen die Trinkwasserqualität zu steigern in den vergangenen Jahren bereits Früchte tragen: „Die Umfrage zeigt, dass die Menschen zufrieden sind mit der Trinkwasserqualität und diese in Deutschland als sehr gut einschätzen.“ In der Studie zeigt sich auch, dass nur circa 6-11 Prozent der Deutschen schon einmal in einem Fluss baden waren. Das interessante ist aber, dass sich über 60 Prozent vorstellen könnten, in einem Fluss zu baden, wenn eine gute Wasserqualität gegeben wäre und die nötige Infrastruktur vorhanden wäre, berichtet die 34jährige – „diese Tatsache zeigt ja ein grundsätzliches Interesse der Bevölkerung am Flussbaden und ist ein Indiz dafür, dass wir mit dem Projekt ein aktuelles Thema verfolgen.“ Ein anderes erstaunliches Studienergebnis für das ITAS-Team, ist die Deutlichkeit mit der sich zeigt, dass die Mehrheit der Befragten die Qualität von Badegewässern rein über die Sensorik – also über das Aussehen und über den Geruch des Wassers – beurteilt. Mögliche Grenzwerte oder ähnliches werden da zunächst gar nicht in Betracht gezogen, vielmehr zählt, was optisch wahrnehmbar ist: „Wenn keine komischen Tierchen oder irgendein Müll im Wasser schwimmen, ist die Qualität für den Betrachter gut. Wenn der Mensch denkt, das sieht gut aus, dann springt er da auch rein.“

Aus genau diesem Grund betrachtet die junge Forscherin die Risikoaufklärung auch als wichtigen Bestandteil des Projekts Sichere Ruhr. Es sei sehr wichtig, die Menschen über die Wasserqualität aufzuklären, das habe die Befragung eindeutig gezeigt. Hier liegt für das Team am ITAS auch die größte Herausforderung für das Projekt. Zusammen mit den Kollegen am Institut für Kommunikationswissenschaft der Universität Duisburg-Essen, wo das Kommunikationskonzept zum Baden in der Ruhr entwickelt wird, versuchen sie Wege zu finden, um die Ergebnisse aus der Studie in die Kommunikationsansätze zu integrieren. Was genau müsste kommuniziert werden, wenn man tatsächlich eines sonnigen Tages in der Ruhr baden könnte? Über welche Risiken, die von der Bevölkerung so nicht wahrgenommen werden, müsste aufgeklärt werden? Und auf welchen Wegen sollte kommuniziert werden, damit die Botschaft auch ankommt? Die Forschung im Bereich Kommunikation steckt in vielen Teilen noch in den Kinderschuhen, obwohl es ein großes Informationsbedürfnis in der Bevölkerung gibt. Gerade das macht das Projekt Sichere Ruhr für die Wahl-Berlinerin so spannend.

Neben den Aspekten der Kommunikation gibt es aber auch eine Menge anderer Faktoren, aufgrund derer Franziska Boerner gerne im Projekt arbeitet: „Das Thema Wasser finde ich einfach total spannend – Wasser reicht in alle Bereiche unseres Lebens hinein, zum einen als besonderes Lebensmittel, zum Baden und zur Naherholung, aber auch als Grundlage für Industriegüter oder als Voraussatzung für die Landwirtschaft.  Ohne Wasser geht wirklich gar nichts!“ Eine weitere Motivation für die Psychologin ist zudem ihr lokaler Bezug zum Ruhrgebiet, denn sie hat Familie in Hagen und verbringt daher gerne und häufig Zeit in der Region rund um die Ruhr. Am Wasser im Grünen lässt es sich einfach gut entspannen. Und genau hier liegt ihrer Meinung auch ein weiterer Kernpunkt des Projekts Sichere Ruhr: „Mal ganz abgesehen davon, ob man in dem Fluss in Zukunft baden gehen kann oder nicht – die Nutzung der Ruhr als Naherholungsraum ist meiner Meinung nach ein ganz entscheidender Faktor für die Region.“ Und eine saubere Ruhr spielt da nicht nur für die Menschen eine entscheidende Rolle sondern auch für die Tiere und Pflanzen in und entlang der Ruhr.

Trotzdem wäre die Wissenschaftlerin offen für ein kühles Bad in der Ruhr. Für Menschen die sehr naturverbunden sind, so wie Franziska Boerner, wäre es sicher eine schöne Vorstellung auch im Ruhrgebiet eine Erfrischung im Fluss zu finden zu können. „Allerdings nicht unbedingt an allen Stellen, immerhin gibt es mancherorts starke Strömungen oder Schiffsverkehr“ gibt sie zu bedenken. Auch müsse man die Ergebnisse des Projekts abwarten, denn schließlich hat die Sicherheit der Bürger auch in der Badefrage höchste Priorität. „Sicher wäre es ein schönes Projektergebnis, zu zeigen, dass man in der Zukunft in der Ruhr baden kann. Aber es gibt auch viele Faktoren in dieser Entscheidung, die gar nicht von dem Projekt abhängen“ – Umweltfaktoren, Verkehrssicherungspflichten oder die rechtlichen Rahmenbedingungen zum Beispiel. Daher sieht Franziska Boerner die Hauptaufgabe von Sichere Ruhr auch darin, die Möglichkeiten und Hürden aufzuzeigen. „Das ist schon ein Schritt in die richtige Richtung – auch wenn am Ende des Projekts eine lange Liste von Herausforderungen steht, die es zunächst zu lösen gilt!“

Einladung zum Workshop “Badestellen an der Ruhr”

Foto: Rania Ladwig

Im Forschungsprojekt Sichere Ruhr widmen wir uns seit Januar 2012 unter anderem der Frage, ob die Ruhr in Zukunft wieder als Badegewässer genutzt werden kann. Bei der Erarbeitung eines möglichen Konzepts zum Baden in der Ruhr ziehen wir den Baldeneysee und die Untere Ruhr als Beispielgewässer heran. Welche Szenarien für das Baden in der Ruhr denkbar sind und welche Anforderungen an das Baden in der Ruhr gelten, wurde in einem Workshop im April 2013 gemeinsam mit interessierten Bürgern erarbeitet. Am 16. und 17. Mai 2014 wird es nun einen Anschlussworkshop geben, zu dem alle interessierten Bürger wieder herzlich eingeladen sind.

Ziel des Projekts Sichere Ruhr ist, den Fluss im Hinblick auf die Wasserqualität noch sicherer zu machen. In erster Linie möchten wir dabei herausfinden, ob – und wenn ja, wie – die Ruhr in Zukunft zeit- und streckenweise wieder als Badegewässer dienen kann. Und da die Ruhr als Fluss so wichtig für die Menschen der Metropolregion Ruhr ist, sollen gerade Sie als Bürger Gehör finden – das Projekt Sichere Ruhr möchte mit Ihnen ins Gespräch kommen.

Die Beteiligungsmöglichkeiten für die Bürger können online in der Shoutbox wahrgenommen werden, sollen sich aber nicht auf diese Form der online Beteiligung beschränken. Als weiteres Forum, bei dem die Interessierten persönlich zusammen kommen, um Erfahrungen und Meinungen zum Baden in der Ruhr auszutauschen, dient daher der jetzt anstehende Workshop. Der Workshop, der am Freitag, 16. Mai, von 16:00 bis 19:30 Uhr und am Samstag, 17. Mai, von 10:00 bis 14:30 Uhr in Essen-Werden stattfindet, möchte Wünsche, Bedenken, Anregungen, Lob oder Kritik aller interessierten Bürger einfangen. Gemeinsam soll ein mögliches Szenario für das Baden im Baldeneysee und an der Ruhr im Detail erarbeitet werden. Für das leibliche Wohl aller Teilnehmer wird während des Workshops gesorgt.

Der Workshop richtet sich an alle interessierten Bürger der Region. Wer daran teilnehmen möchte, sendet uns einfach eine formlose Anmeldung per Mail unter anmeldung@sichere-ruhr.de. Auch für weitere Informationen oder bei Fragen zum Projekt sind wir immer gerne für Sie da!

Zwischen Acker und Fluss – Landwirtschaft und Gewässerschutz

Für eine ertragreiche Landwirtschaft spielt Wasser seit jeher eine wichtige Rolle. Felder müssen bewässert und Vieh muss getränkt werden. Aber auch in umgekehrter Richtung besteht eine Abhängigkeit: Für den Zustand des Wassers ist das Verhalten der Landwirte von Bedeutung.

Intensive landwirtschaftliche Nutzung, wie sie in Deutschland verbreitet ist, bringt auch für die Ökologie der jeweiligen Region Folgen mit sich. Deshalb macht es Sinn, sich die Auswirkungen von Ackerbau und Viehzucht auf die Qualität des Wassers näher anzuschauen, besonders wenn es sich bei der Region um das Einzugsgebiet eines Flusses wie der Ruhr handelt.

Das ist allerdings komplizierter als man zunächst denken mag. Denn anders als beispielsweise beim Abwasser einer Fabrik, das durch Rohre fließt, deren Durchfluss man relativ leicht überprüfen kann, sind die Gewässereinträge von Feld und Wiese meist nicht an einem Punkt konzentriert, sondern weiter gestreut, schwerer messbar – oder wie Experten sagen „diffus“. Sogenannte „diffuse Quellen“ haben oft keine klare Grenze und vor allem wird ihr Abfluss nicht in die Abwasserkanalisation geleitet, sondern versickert oder läuft – durch das Regenwasser ausgespült – direkt in Bäche, Flüsse und Seen.

Schadstoffe, die auf diese Weise ins Wasser gelangen, werden häufig mit Modellrechnungen ermittelt, weil ihr Eintrag praktisch nicht vollständig gemessen werden kann. Da die diffusen Quellen so verteilt und zahlreich sind, kann kaum zu jeder einzelnen Quelle ein Bericht eingeholt werden, erläutert das Umweltbundesamt auf seinem Schadstoffinformationsportal. Allein nahezu dreihunderttausend landwirtschaftliche Betriebe werden in Deutschland zu diesen Quellen gerechnet.

In vielen dieser Betriebe werden Düngemittel eingesetzt, die über Niederschläge und Auswaschung von den Feldern in das Ökosystem eingetragen werden, wo sie weitreichende Auswirkungen auf den Naturhaushalt haben können. Durch den Einsatz der Düngemittel auf den Äckern gelangen so mittelbar Stickstoff und Phosphor in die Gewässer und führen zu einer Überbelastung mit Nährstoffen, die von Biologen als Eutrophierung bezeichnet wird. Die Folge ist dann, dass Algen und Wasserpflanzen übermäßig wachsen und damit vielen Kleinlebewesen und Tieren die Lebensgrundlage entziehen können.

Weitere problematische Stoffe, die aus landwirtschaftlichen Betrieben ins Wasser gelangen können, sind Bakterien und Viren aus der Viehzucht, Insektenvernichtungsmittel bzw. Pflanzenschutzmittel und sogar Perfluorierte Tenside (PFT). Letztere sorgten 2006 fürAufsehen, als sie bei einer Studie der Universität Bonn in den nordrhein-westfälischen Flüssen Ruhr und Möhne nachgewiesen und auf den Gebrauch in Düngemitteln zurückgeführt wurden – wenngleich sie für gewöhnlich eher in der Industrie zum Einsatz kommen. Die Stoffe gelten als nicht abbaubar, können sich daher in der Umwelt sowie im menschlichen und tierischen Gewebe anreichern und stehen im Verdacht krebserregend zu sein. Aufgrund dieser PFT-Nachweise gibt es immer noch eine einschränkende Empfehlung für den Verzehr von Fischen aus den genannten Flüssen. Bereits 2006 wurde außerdem durch die Europäische Union eine gesetzliche Begrenzung des Einsatzes von PFT erlassen. Dennoch wurden sie auch im vergangenen Jahr noch im Düsseldorfer Grundwasser gefunden.

Neben gesetzlichen Beschränkungen gibt es weitere Maßnahmen, die helfen können, diffuse landwirtschaftliche Einträge in die Gewässer zu vermindern. Allgemein gehört eine einschlägige Beratung der Landwirte dazu und eine Kooperation zwischen Landwirten und Wasserwirtschaftlern. An der Ruhr befasst sich die Arbeitsgruppe Wasserqualität Landwirtschaft mit diesem Thema. Die Arbeitsgemeinschaft der Wasserwerke an der Ruhr (AWWR) fördert dabei die Beratung der Bauern durch die regionalen Landwirtschaftskammern, um den Gehalt von Nitrat und Pflanzenschutzmitteln in den Flüssen zu verringern.

Ganz praktische Maßnahmen gegen landwirtschaftliche Gewässerbelastungen sind die Verwendung von Mulchsaat, die eine Erosion des Bodens und damit mögliche Phosphoreinträge vermindert sowie das Einsparen von Dünger, wodurch der Stickstoffeintrag reduziert wird. Gegen Insektizide im Wasser plädiert Ralf Schulz von der Universität Koblenz für fünf bis zehn Meter breite Streifen zwischen Ackerfläche und Gewässer. „Würden die Bauern etwa durch Hecken gezwungen, breite Randstreifen um die Felder herum vom Anbau und damit auch von Spritzmitteln freizuhalten, könnte das die giftigen Substanzen von den Gewässern fernhalten“, meint der Umweltwissenschaftler.

Auch Silke Roder vom Institut für Siedlungswasserwirtschaft an der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule Aachen, die sich mit dem Eintrag von Keimen in die Ruhr befasst, spricht sich für Gewässerschutzstreifen aus. „Je breiter der Randstreifen ist, desto besser“, meint die Ingenieurin. Sie hat noch weitere praxisnahe Vorschläge, wie Landwirte die Gewässerbelastung senken können: „Oft kann es helfen, für die Kühe auf der Weide eine Tränke zu bauen“, erklärt sie. Denn dann müssten die Tiere nicht mehr direkt aus dem Bach trinken. Wenn man ihnen dann den Zugang zum Fließgewässer versperre, könnten sie dort beim Trinken keine Keime mehr hinterlassen. Außerdem rät die Wissenschaftlerin zu einer „detaillierten Gülle-Bilanzierung“ durch die einzelnen Betriebe. Damit ist gemeint, dass die Landwirte eine ausführliche Dünge-Planung machen, die sich an den Wachstumsphasen des Bewuchses orientiert. In diesen kann der Dünger optimal von den Pflanzen aufgenommen werden. Die Pflanzen binden damit die aufgebrachten Nährstoffe und so gelangen diese nicht in die Gewässer. Generell sei es auch für die Flüsse und Seen günstiger, abgelagerte Gülle zu verwenden, meint Silke Roder, denn „die frische Gülle enthält auch am meisten Keime.“

Es zeigt sich, dass die Qualität unserer Gewässer auf die Mitwirkung der Landwirte angewiesen ist – doch glücklicherweise gibt es verschiedene Kooperationsangebote, die sogar über gesetzliche Vorschriften hinaus bestehen. Denn schließlich haben auch Landwirte als Verbraucher und als Produzenten von Naturprodukten ein Interesse an sauberem Wasser.

Pressekonferenz am Baldeneysee – Zwischenergebnisse des Projekts Sichere Ruhr

Foto: Rania Ladwig, Sichere Ruhr

Am heutigen Mittwoch kamen Wissenschaftler und Journalisten im Regattahaus am Ufer des Baldeneysees zusammen, um sich mit dem Thema Baden in der Ruhr zu beschäftigen. Auf der Veranstaltung wurden die Zwischenergebnisse des BMBF-Projekts Sichere Ruhr präsentiert und diskutiert:

Zurzeit besteht im Ruhrgebiet ein Badeverbot für die Ruhr und ihre Stauseen. Das Projekt Sichere Ruhr, das vom 1. Januar 2012 bis zum 31. Dezember 2014 läuft, überprüft, ob das Baden in der Ruhr hinsichtlich der hygienischen Bedingungen in Zukunft möglich sein könnte. Eine aktuell vom Projekt durchgeführte Bevölkerungsumfrage zeigt, dass sich ein großer Teil der Bevölkerung eine solche Bademöglichkeit wünscht – und bereit ist, sich finanziell an der Umsetzung zu beteiligen.

Nach zwei Jahren intensiver Forschung können nun erste Aussagen zu den Ergebnissen und zukünftigen Bademöglichkeiten gemacht werden. „Die hygienische Bewertung zeigt, dass Baden in der Ruhr grundsätzlich realisiert werden könnte, wenn auch nicht immer und überall“, sagt Projektsprecher Wolf Merkel. Unter den heutigen Bedingungen wäre die Badenutzung nur an einigen Tagen im Jahr möglich. Um die Zahl möglicher Badetage in der Ruhr zu erhöhen, müsste die Qualität des Wassers noch weiter verbessert werden.

Als Problematisch für den Status eines offiziellen Badegewässers erweisen sich bei natürlichen Gewässern die strengen europaweiten Anforderungen. Eine Einstufung der Ruhr als Badegewässer kann daher zunächst nicht vorgenommen werden, denn, dass das Ziel einer dauerhaften Bademöglichkeit erreicht werden kann ist eher unwahrscheinlich. Allerdings bieten die bereits heute an verschiedenen Abschnitten der Ruhr günstigen hygienischen Bedingungen die Chance, eine rechtliche Basis zu finden, damit der Badespaß bei Trockenwetter geduldet werden kann.

Die beim Baden in der Ruhr bestehenden Gesundheitsgefahren gehen in erster Linie von Krankheitserregern aus. Diese können unter anderem Durchfälle hervorrufen. Erkrankungsrisiken bestehen vor allem für ältere Menschen und Kleinkinder mit einem schwachen Immunsystem. Da die Wasserqualität in natürlichen Gewässern durch Umwelteinflüsse, wie zum Beispiel das Wetter, jederzeit natürlichen Schwankungen unterliegt, ist ein völlig risikofreies Baden grundsätzlich nicht möglich. Natürlich gibt es beim Baden in Flüssen stets auch Gefahren wie Strömungen oder Treibgut. „Eigentlich sieht es ganz gut aus. Aber Baden in der Ruhr wird immer auch mit Restrisiken verbunden sein“, gibt Merkel zu bedenken. Da jeder selbst entscheiden muss, ob er sich diesen Gefahren aussetzen möchte, würde die Verantwortung, in der Ruhr zu baden, letztlich bei jedem Badegast selbst liegen.

Die hygienische Qualität der Ruhr wird ganz wesentlich durch starken Regen und daraus resultierendes Hochwasser beeinträchtigt. Dabei gelangen Krankheitserreger durch Abschwemmungen von landwirtschaftlichen Flächen, durch Überläufe aus der städtischen Kanalisation und durch Kläranlagenabläufe in den Fluss. Aus diesem Grund wäre die weitere Verbesserung und stetige Kontrolle der hygienischen Wasserwerte in der Ruhr eine Voraussetzung für die künftige Bademöglichkeit.

Hierzu wären zusätzliche technische und organisatorische Maßnahmen notwendig, die den Keimeintrag verringern. Zum Schutz der Badegäste wird derzeit im Projekt auch ein engmaschiges Überwachungssystem erarbeitet. Dieses würde frühzeitig anzeigen, wann das Wasser zum Baden geeignet wäre.

Auch mit der Ausgestaltung von Badestellen beschäftigt sich das Projektteam. Dazu wurden unter Bürgerbeteiligung drei Szenarien zum Baden in der Ruhr entworfen: „Naturnahes Baden“, „Baden an ausgewiesenen Badestellen“, und „Baden in Flussbädern“. Diese Szenarien werden nun als Grundlage für die weitere Planung der Bademöglichkeiten im Gewässer genutzt.  Am 16. und 17. Mai findet ein weiterer Workshop mit Bürgerbeteiligung am Baldeneysee statt. In diesem soll ein Badeszenario im Detail ausgearbeitet werden.

Ob die dabei entworfenen Realisierungsvorschläge, wie eine Bademöglichkeit aussehen kann, aber letztendlich umgesetzt werden, liegt dann an den einzelnen Städten und Kommunen. Derzeit ist zudem noch offen, auf welcher rechtlichen Basis ein Baden in der Ruhr möglich werden könnte. Hierzu analysiert das Projektteam auch die Erfahrungen mit dem Baden in Fließgewässern in anderen Bundesländern und in Europa.

Auf die Endergebnisse des Forschungsprojekts müssen wir noch ein wenig warten – dabei dürfen wir gespannt sein, ob und inwiefern sich die jetzt präsentierten Zwischenergebnisse noch verändern werden.

Nachhaltig fischen – mit der Angel an der Ruhr

Foto: Alois Staudacher

„Blinker, Crawler, Fireball, Boillies oder Knicker“ – die Anglergemeinschaft hat ihre eigene Fachsprache, als Laie versteht man schnell nur Bahnhof. Es gibt nicht nur viele verschiedene Angeltechniken, auch das Anglerzubehör erscheint fast wie eine Wissenschaft für sich. Ein Segen für Angler an der Ruhr ist zum einen die Tatsache, sich in dem Gewässer eine Vielzahl unterschiedlicher Fischarten tummeln und zum anderen, dass hier auch geangelt werden darf!

Um sich einen Überblick über die in der Ruhr lebenden Fische, über den Arten- und Naturschutz  und über die Anglersprache zu verschaffen, sollte jeder Sportsfreund zunächst einen Angelschein machen. Dieser Schein fungiert dann als Angelerlaubnis und verlangt eine richtige Fischerprüfung. Die Prüfung dazu kann bei der unteren Fischereibehörde des Landes Nordrhein-Westfalen abgelegt werden. Circa 16.000 Hobby-Angler legen im Jahr die Fischerprüfungen ab.

Der rheinische Fischereiverband von 1880 e.V. bietet zweimal jährlich Vorbereitungskurse für die Prüfung an. Diese sind jedoch keine Voraussetzung um Die Prüfung abzulegen. Angehende Angler können sich auch eigenständig auf die Prüfung vorbereiten.

Viele Angler- und Fischereivereine haben sich auch dem Naturschutz verschrieben. Dabei geht es um die Aufzucht und das Einsetzen unterschiedlicher Fischarten in natürliche Gewässer. So zum Beispiel der Fischereiverein Essen, der Karpfen und Hechte heran züchtet und diese in Ruhr und Baldeneysee setzt.

Die Ruhrfischereigenossenschaft nimmt die Rechte und Pflichten der Fischer und Angler in Nordrhein-Westfalen wahr. Sie kümmert sich um die Fischbestände und sieht die Hege und Pflege der Fische als ihre Pflicht an. Eine wissenschaftliche Untersuchung der Genossenschaft zeigt, dass einige der vielen Fischarten in der Ruhr gefährdet sind und daher nicht gefischt werden sollten. Besonders Fischarten, die weite Strecken zu ihren Laichplätzen zurücklegen, sind sehr bedroht.

Aber auch bei anderen Fischen gilt: man darf nicht jeden Fisch zu jeder Zeit angeln. Laichzeiten, Schonzeiten und das Alter der Fische müssen beachtet werden. Der Artenschutz ist im Gesetz festgehalten, der Hecht zum Beispiel darf zwischen dem 15. Februar und 30. April nicht gefischt werden, und außerhalb der Schonzeit auch nur, wenn er mindestens 45 Zentimeter  lang ist. Diese Richtlinien sind im Landesfischereigesetz Nordrhein-Westfalen festgelegt.

Um den Fischbestand zu schützen, gibt es verschiedene Initiativen und Projekte. So zum Beispiel das Fischschutzprogramm der Stiftung Wasserlauf, die sich vor allem dem Schutz der besonders bedrohten Wanderfischarten verschrieben hat. Als Wanderfischarten, werden solche Fische bezeichnet, die sehr weite Strecken zurücklegen. Manche Arten wechseln dabei sogar zwischen den Gewässertypen (Salz- und Süßwasser).

Angeln kann aber auch helfen, die Gewässerökologie wieder ins Gleichgewicht zu bringen oder das Gleichgewicht zu halten. Die Grundel, ein nicht heimischer Fisch, mittlerweile aber stark in den Flüssen in Nordrhein-Westfalen vertreten, verdrängt beispielsweise die heimischen Arten und ist somit ausdrücklich zum Fang freigegeben. So können Angler durch das Angeln der Grundel zum Schutz des Ökosystems des Flusses beitragen.

Aber auch die Angler selbst sollten einige Gegebenheiten zu ihrer eigenen Sicherheit beachten, wenn sie den Ruhrfisch zu Mittag verzehren möchten. Denn einige der Flussfische sind mit Schadstoffen belastet, vor allem mit Perfluorierten Tensiden (PFT). Deshalb sollten ambitionierte Angler maximal sechs mal pro Monat 300 Gramm Ruhrfisch essen. Selbstgefangene Wildaale, sollten aufgrund erhöhter Belastung mit Dioxin- und Polychlorierten Biphenylen (PCB) hingegen gar nicht verspeist werden.

Damit ist Angeln, so scheint es, eine Wissenschaft für sich. Doch wenn die wesentlichen Regeln und Vorschriften beachtetet werden und jeder Angler gewissenhaft und nachhaltig handelt, so steht dem Angelspaß bald nichts mehr im Wege. In diesem Sinne: Petri Heil!

Vielfalt erhalten am Baldeneysee – das Vogelschutzgebiet Heisinger Bogen

Foto: Christian Selbach, Sichere Ruhr.

Ein Graureiher landet mit Zweigen im Schnabel auf einem Ast am Ufer des Baldeneysees und senkt seine Schwingen. Sorgfältig bessert das dazugehörige Weibchen bereits das gemeinsame Nest aus. Bald wird das Vogelpaar hier seinen Nachwuchs aufziehen. Auch in diesem Frühjahr kann man ihnen am Baldeneysee wieder dabei zusehen. Etwa 90 Graureiher-Brutpaare nisten hier an der Südspitze der Heisinger Halbinsel. Neben Vögeln leben auch viele Amphibien, Libellen, Falter und Wasserpflanzen im sogenannten Schutzgebiet Heisinger Bogen.

Ein schmaler Wanderweg führt an der Grenze des Schutzgebiets entlang, das von Erlen, Ahorn und Buchen gesäumt ist. Hier bietet sich die Gelegenheit, zahlreiche Vögel zu beobachten, manche davon das ganze Jahr über, denn einige Arten überwintern in Heisingen. Für andere dagegen ist der Heisinger Bogen nur ein Zwischenstopp. Scharen von Wasservögeln nutzen ihn zum Rasten vor ihrem Weiterflug.

Beim Spaziergang am Rande des Schutzgebiets zeigen sich viele Vögel, die den Kontakt mit Menschen gewöhnt sind und kaum Scheu an den Tag legen, darunter Haubentaucher oder Stockenten. Aber auch seltenere Arten kann man hier mit etwas Glück zu Gesicht bekommen, beispielsweise den Eisvogel. Er jagt im Baldeneysee mit Vorliebe nach Fischen. Darin tut es ihm der Kormoran gleich, der schon beinahe ausgerottet war und unter Schutz gestellt wurde. Mittlerweile hat sich der Bestand dieser Vogelart erholt und sie sorgt nun mancherorts für Meinungsverschiedenheiten. Vor allem einige Fischer, die um ihre Erträge bangen, klagen über jagende Kormorane. Am Baldeneysee wurde für dieses Problem jedoch ein Kompromiss gefunden, wie der Naturschutzbund berichtet: Während der Fischaufzucht werden die dafür vorgesehenen Teiche sechs Wochen lang mit Netzen überspannt, um die Kormorane vom Fressen der Jungfische abzuhalten.

Neben der Fischaufzucht ergeben sich auch für die Gewässerhygiene Herausforderungen durch das Vogelschutzgebiet. Mit den Ausscheidungen von Vögeln können etwa Bakterien ins Wasser gelangen. Ein Beispiel hierfür ist Campylobacter, der Erreger der Magen-Darm-Entzündung. „Die Vögel sind hier häufig mit dem Bakterium infiziert, ohne Symptome aufzuweisen“, erläutert Marina Horstkott von der Universität Duisburg-Essen. Die Vermehrungsbedingungen im Wirt Wasservogel seien für den Krankheitserreger sehr günstig, meint die Doktorandin, unter anderem aufgrund der Körpertemperatur der Vögel. „So können hohe Konzentrationen mit dem Vogelkot ausgeschieden werden und ins Wasser gelangen.“ Das Forschungsprojekt Sichere Ruhr hat deshalb direkt am Heisinger Bogen eine seiner Messstellen eingerichtet, um die Auswirkungen der Einträge von Vögeln auf die Wasserqualität zu untersuchen.

Dabei haben die Wissenschaftler eine weitere mögliche „Nebenwirkung“ des für Vögel idealen Schutzraums im Blick: die Badedermatitis. Sie wird von sogenannten Vogelschistosomen ausgelöst, Parasiten, die sich normalerweise Schnecken und Enten als Wirt aussuchen. Christian Selbach, Biologe in der Abteilung für Aquatische Ökologie an der Universität Duisburg-Essen, erklärt: „Das Risiko der Badedermatitis entsteht durch die freischwimmenden Larven der Parasiten, die versehentlich den Menschen befallen und dort einen juckenden Hautausschlag verursachen können.“ Da das Vogelschutzgebiet Heisinger Bogen sowohl für Entenvögel als auch Schneckenarten gute Bedingungen biete, könnten hier auch deren Parasiten vorkommen. „Ein Infektionsrisiko ist allerdings nicht auf dieses Gebiet beschränkt,“ führt der Wissenschaftler aus, „weil geeignete Enten- und Schneckenwirte auch an anderen Stellen im Baldeneysee anzutreffen sind.“

Außer diesen möglichen Nebenwirkungen für Menschen ergeben sich aber auch für die zum Teil bedrohten Tiere im Schutzgebiet Probleme aus dem gegenseitigen Kontakt. Die Fachinformation des Landesumweltministeriums führt Müll, freilaufende Hunde sowie Beeinträchtigungen durch unachtsame Wassersportler als Herausforderungen für das Schutzziel des Gebiets Heisinger Bogen auf. Auch das Füttern der Wasservögel durch Spaziergänger greift in das Ökosystem ein, weshalb davon abzuraten ist. Es kann beispielsweise zu einer Überbevölkerung mancher Vogelarten beitragen – und damit indirekt auch die Wasserqualität negativ beeinflussen, weil ein Überschuss an Vogelkot in den See gelangt.

Im Interesse der Vögel kann man aufs Füttern verzichten und Hunde anleinen. Auf der anderen Seite ist die Badedermatitis für die betroffenen Menschen zwar unangenehm, gilt aber nicht als gefährlich. Was jedoch klar wird: Falls man in Zukunft im Baldeneysee wieder schwimmen könnte, bliebe es wichtig, den Schutz von Badenden und Tieren miteinander in Einklang zu halten.

Projektpartner: IWW – Was die Ampel morgen sagt

Foto: Pascal Bovée, Sichere Ruhr.

Jedes Kind lernt früh: Eine grüne Ampel heißt noch nicht, dass tatsächlich alle Autos anhalten. Und jeder Erwachsene weiß: Eine rote bedeutet nicht, dass überhaupt eins kommt.

Dass man also immer noch am besten selbst nach links und rechts schaut, ist im Straßenverkehr jedem klar. Beim Baden in Seen und Flüssen macht sich dies dagegen nicht jeder bewusst. Ein Ort, wo man sich bemüht, dafür ein Bewusstsein zu schaffen, ist das IWW Zentrum Wasser in Mülheim.

Am IWW, wo das Projekt Sichere Ruhr koordiniert wird, beschäftigen sich eine Vielzahl von Mitarbeitern mit dem Ruhrwasser. Dort arbeiten unter anderem Mikrobiologen, Technologen, Ökonomen oder Statistiker an dem Projekt.

Laut Projektkoordinator Dr. Wolf Merkel ist eine wesentliche Aufgabe der Forscher dabei, wissenschaftliche Fakten für die Diskussion um die Frage ‘Könnte die Ruhr künftig zum Baden genutzt werden?’ bereitzustellen. „Im aktuellen Rechtsrahmen ist dies nicht möglich, weil die schwankende Wasserqualität bei Regen in der EU-Badegewässerrichtlinie nicht berücksichtigt wird“, meint der Ingenieur. „Teil der Arbeiten im Projekt ist es daher, Lösungswege hierfür aufzuzeigen.“

Martin Strathmann, Andreas Hein und Hans-Joachim Mälzer sind drei Mülheimer Kollegen, die an diesen Lösungswegen arbeiten. Im Interview mit ihnen wird schnell klar, dass sie eng zusammenarbeiten. Die Daten, die Martin Strathmann und seine Kollegen aus der mikrobiologischen Abteilung sammeln, wenn sie Wasserproben an der Ruhr nehmen, helfen beispielweise Hans-Joachim Mälzer bei der Entwicklung einer aussagekräftigen Vorhersage zur Wasserqualität. Und für Andreas Hein spielt beides eine Rolle, wenn er mögliche Badeszenarien am Baldeneysee miteinander vergleicht. „Im Projekt Sichere Ruhr sind wir nicht nur bei uns im Haus eng vernetzt“, erläutert der Mikrobiologe Martin Strathmann. „Wenn wir an der Ruhr oder am Baldeneysee Wasserproben nehmen sind beispielsweise auch die Kollegen vom Essener Biofilmcenter und Wissenschaftler aus Bonn und Bochum mit dabei.“

„Mit mehreren Kühltaschen bepackt kommen wir dann vom Fluss zurück ins Labor“, beschreibt der 40-jährige die Mühen in der Projektarbeit. Im Labor untersucht er die Proben dann zusammen mit seinen Kollegen Dietmar Pütz, Kathrin Bemmann, Susanne Grobe und Gabriela Schaule.

Das IWW arbeitet breit gefächert und besitzt für den gesamten Wasserkreislauf Experten. Dass Martin Strathmann, der an der Universität Duisburg-Essen promoviert hat, trotzdem auch mit anderen Instituten so häufig in Verbindung steht, zeigt, welche große Menge an Daten und Untersuchungen für das Projekt Sichere Ruhr bearbeitet werden muss.

„Für meine Arbeit kann es eigentlich nicht genug solcher Daten geben“, meint Kollege Hans-Joachim Mälzer, der gemeinsam mit Tim aus der Beek und Frank-Andreas Weber an der Entwicklung einer Vorhersage der Ruhrwasserqualität arbeitet. An seinem Computer im Büro des IWW bastelt er an für Laien nur schwer verständlichen Graphen. Die Berechnungen, die der Ingenieur mit historischen und aktuellen Daten speist, sollen irgendwann helfen, Badende im Voraus vor Wasserverunreinigungen zu warnen. Dafür nutzt der Wissenschaftler, der selbst passionierter Schwimmer ist, statistische Verfahren, physikalisch-chemische Modellrechnungen und zusammen mit dem Projektpartner aquatune auch künstliche neuronale Netze, die er beispielsweise mit Wetterdaten und den Ergebnissen von den Wasseruntersuchungen seiner Kollegen versorgt.

„Es wäre mal interessant, wie viele Daten im ganzen Projekt Sichere Ruhr insgesamt wohl bearbeitet werden müssen“, meint sein Kollege Andreas Hein. „Allein bei unserer Bevölkerungsumfrage haben wir ja schon über 220.000 Einzelantworten bekommen“, erklärt der diplomierte Volkswirt. In Zusammenarbeit mit dem Institut für Soziologie, dem Institut für Kommunikationswissenschaft der Universität Duisburg-Essen und dem Ruhrverband haben er und seine Kollegin Marina Neskovic ermittelt, was die Bürger in der Region über das Baden in der Ruhr und dem Baldeneysee denken. Zum Beispiel wurde gefragt, wie viel Geld es den Bürgern wert wäre, dort unter verschiedenen möglichen Bedingungen baden gehen zu können. Nun ist das Team um Andreas Hein damit beschäftigt, anhand der Antworten der Bevölkerung das Verhältnis von Kosten und Nutzen für die verschiedenen Badeszenarien zu bewerten. Die Kosten sind dabei noch nicht vollständig kalkulierbar, weil sie auch von den Ergebnissen anderer Arbeitsbereiche im Projekt Sichere Ruhr abhängen. Aber ein Ergebnis aus der Umfrage verrät der Ökonom schon: „Nur wenige der Bürger, die wir befragt haben, wollen, dass die Badesituation so bleibt, wie sie im Moment ist. Die meisten wünschen sich einen Wasserzugang in Form einer oder mehrerer ausgewiesener Badestellen.“

So eine speziell zum Baden ausgewiesene Uferstelle könnte helfen, Risiken wie einen unebenen Grund oder den Schiffsverkehr auf dem Fluss übersichtlich zu halten. „Ob man auf einem glatten Stein ausrutschen kann oder die vorbeifahrenden Schiffe – das würde mir persönlich mehr Sorgen bereiten als ein möglicher Durchfall“, sagt Mikrobiologe Martin Strathmann. Er weiß aber, dass „auch für die Sicherheit von Kindern oder gesundheitlich angeschlagenen Bürgern mit schwachem Immunsystem gesorgt werden muss und daher eine Bewertung im Rahmen des geltenden Rechts erfolgen muss.“ Sein Kollege Hans-Joachim Mälzer würde gerne eines Tages auch in der Ruhr schwimmen, wenn die rechtliche Situation geklärt ist – so lange geht er weiterhin lieber zum Baggersee.

Andreas Hein findet, dass es wichtig ist, die Bevölkerung über mögliche Risiken und Sicherheitsmaßnahmen zu informieren. „Wenn ich mir etwas wünschen würde, das mindestens überbleiben soll aus dem Projekt Sichere Ruhr, dann wäre das eine höhere Sensibilisierung und besseres Verständnis zu diesem Thema, bei den Badenden selbst, aber auch bei Badebetreibern, Verwaltungen und allen, die es angeht.“ Dabei hofft der Volkswirt, dass aus dem Projekt eine öffentliche Informationsmöglichkeit über den Gewässerzustand hervorgeht, die immer aktuell verfügbar wäre, „also eine Hilfe für denjenigen, der für sich entscheidet, gehe ich rein oder gehe ich nicht rein ins Wasser.“

Eine Ampel könnte das sein, die Grün oder Rot zeigt, je nachdem, ob zu große Sicherheitsrisiken zum Baden bestehen oder nicht. Der passionierte Schwimmer und Verfahrensingenieur Hans-Joachim Mälzer arbeitet mithilfe seiner Modellvorhersagen an so einem Ampel-System. „Die Herausforderung dabei ist, alle Daten richtig auf einfache Aussagen wie ‚Rot’ oder ‚Grün’ oder auf einfache Risikostufen zu reduzieren“, erklärt der Wissenschaftler. Außerdem weiß er natürlich, dass selbst eine solche wissenschaftliche Vorhersage ihre Grenzen hat. Es gilt, wie beim Straßenverkehr, den Verstand sollte man nie ganz ausschalten. Deshalb sind sich die IWW-Mitarbeiter einig, dass sich jeder, der in der Ruhr baden möchte, über die Risiken und seine Eigenverantwortung im Klaren sein müsse. Ob die Ampel schließlich Grün oder Rot zeigt, mag in Zukunft vielleicht nicht nur an der Straßenkreuzung, sondern auch beim Baden in Seen und Flüssen ein nützliches Hilfsmittel sein. Es kann einem aber nicht die Entscheidung abnehmen, ob man schließlich ins Wasser springt.